Fernbehandlung und Online-Rezept in Deutschland umfassend erlaubt!

Die Fernbehandlung ist in den letzten Monaten in Deutschland angekommen. So gibt es inzwischen zahlreiche Angebote von Ferndiagnosen und Fernsprechstunden über das Internet. Zurecht drängt sich die Frage auf, ob denn das Berufsrecht in Deutschland außer Kraft gesetzt oder geändert wurde?

 

Als der Anbieter DrEd Ende 2011 mit der ersten umfassenden Onlinediagnose mit Rezeptausstellung in Deutschland startete, musste man sich mit der Flucht nach England und dem europäischen Gemeinschaftsrecht behelfen, um in Deutschland die medizinischen Onlineleistungen zu etablieren. Es hieß in Deutschland würde diesen Leistungen das Fernbehandlungsverbot entgegenstehen. Wie steht es heute um dieses Verbot?

 

Das Berufsrecht der Ärzte hat sich seither nicht geändert. Jedoch scheint die Ärzteschaft zur Besinnung gekommen zu sein. Das deutsche Berufsrecht der Ärzte verbietet nur eine „ausschließliche“ Beratung und Behandlung über Print- und Kommunikationsmedien. Diese Formulierung wurde sicherlich nicht gefunden um den heutigen Anforderungen der Fernbehandlung zu genügen, aber sie lässt genügend Interpretationsspielraum, um sich an die heutigen Notwendigkeiten anzupassen.

 

Schon heute gilt es als akzeptabel, wenn in einer Onlinesprechstunde entweder nur informiert oder Bestandspatienten behandelt werden. Im ersten Fall geht man davon aus, dass die Information alleine noch keine Behandlung ist und im zweiten Fall davon, dass ein Bestandspatient ja gerade nicht ausschließlich über das Internet behandelt wird. So kann man sich gut mit den heutigen Formulierungen behelfen, ohne weiter in die Tiefe zu gehen oder das Gesicht zu verlieren.

 

Was steckt aber wirklich hinter der Notwendigkeit eines physischen Arztbesuches, so dass eine ausschließliche Behandlung über Kommunikationsmedien zu vermeiden ist? Die Medizin arbeitet in diesem Fall mit der „Indikation“ – also der Heilanzeige. Nur der Arzt soll die Heilanzeige beim Patienten feststellen und damit die medizinisch richtige Maßnahme einleiten. Aus diesem Grund soll der Patient in die Praxis kommen, um eine professionelle Indikation zu manifestieren. Der Patient soll mit seiner Indikation nicht zuhause allein gelassen werden. Dies ist absolute Hoheit des Arztes, der sich hiervon einen umfassenden persönlichen Eindruck verschaffen muss. Und das will auch die Berufsordnung zum Ausdruck bringen.

 

Das Internet verändert jedoch die Kommunikation viel weitreichender, als man es sich unter „Kommunikationsmedien“ bei der Formulierung der Berufsordnung überhaut vorstellen konnte. Kommunikation und Information sind vollständig vernetzt und finden in Echtzeit an jedem Ort statt. Hierauf hat sich unsere Gesellschaft eingestellt. Bevor wir das Haus verlassen, um zum Reisebüro, zum Elektrofachhandel oder zum Buchladen zu gehen, schauen wir erst einmal, ob wir nicht schon mit den Kommunikationsmöglichkeiten des Internets weiterkommen. Genau das erwartet der Patient auch von der Medizin. Es gibt eine neue Indikation. Diese heißt „Arztbesuch“. Die Revolution der Medizin aus dem Internet ist, dass der Patient erst sein Umfeld verlässt, um einen Arzt aufzusuchen, wenn das Internet ihm die Indikation für diesen Arztbesuch auch vermittelt.

 

Nun kann man den Patienten zuhause mit seiner Indikation „Arztbesuch“ alleine lassen oder man kann ihm professionelle Hilfe durch die deutsche Ärzteschaft vermitteln. Sofern es die Hoheit von Indikationen betrifft muss der Arzt auch an diesem Ort seine Kompetenz und seine Legitimation für die weitere Heilanzeige ausspielen. Auch die „Ausschließlichkeit“ der Berufsordnung wäre keine Hürde. Wenn der Arzt online die Indikation „Arztbesuch“ stellt, dann gibt es nur eine Empfehlung für den Hilfesuchenden: Geh zum Arzt!

 

Sofern diese Indikation in der Kommunikation über das Internet enthalten ist und dem Patienten auch der Weg für den Arztbesuch eröffnet wird, kann hier nicht von einer ausschließlichen Behandlung über Kommunikationsmedien gesprochen werden. Wenn die Ärzteschaft die moderne Indikation „Arztbesuch“ ebenso gewissenhaft stellt, wie die sonstigen Indikationen der Medizin, dann wird es keinen Patienten geben, der Gefahr läuft ausschließlich über das Internet behandelt zu werden. Es könnte lediglich Patienten geben, die auf einen unnötigen Arztbesuch verzichten können, weil dieser nicht indiziert ist, wie dann ein Arzt mit seiner geballten Kompetenz festgestellt hat. Wenn die Indikation Arztbesuch für die Verordnung nicht gegeben ist, wird damit auch die Verordnung eine Medikaments über das Internet möglich.

 

Das heutige Berufsrecht lässt dieses Vorgehen ohne weiteres zu. In der Gesamtschau der Ärztehoheit und der Pflicht zur Wirtschaftlichkeit ist dieses Vorgehen sogar rechtlich indiziert. Der Arzt hat die Pflicht im Rahmen der heutigen technischen Möglichkeiten festzustellen, ob ein physischer Arztbesuch notwendig ist oder eben nicht. Jeder Zweifel führt im Rahmen der notwendigen Differenzialdiagnostik immer zum notwendigen Arztbesuch. Ohne Zweifel jedoch wäre dies reine Förmelei, Verschwendung von Versicherungsgeldern und reine Schikane für den Patienten.

 

Nehmen die Ärztekammern die Hoheiten Ihrer Mitglieder ernst, können sie zu keinem anderen Schluss kommen. Hinzu kommt, dass sie bei anderer Auslegung die Indikation „Arztbesuch“ mittelfristig ausländischen Ärzten oder noch schlimmer unqualifizierten Bloggern überlassen. Das kann die deutsche Ärzteschaft nicht zulassen.

 

Empfehlenswert wäre es jedoch, die Notwendigkeit dieser schnell wachsenden modernen Indikation der Internetmedizin ernst zu nehmen. Sicherlich könnte ein Missbrauchsrisiko durch eine geordnete Aufsicht verringert werden. Dieser Aufsichtspflicht wird aber sicher nicht mit einem Verbot genüge getan, aber vielleicht mit der Einführung einer Erlaubnispflicht für Fernbehandlung. So ist auch die Welt der Onlineapotheken zu einem geordneten und nachhaltigen Bestandteil unserer modernen Gesellschaft im Internetzeitalter geworden.

 

Sebastian Vorberg LL.M. (Houston) Fachanwalt für Medizinrecht Vorstandssprecher BiM

Sebastian Vorberg LL.M. (Houston)
Fachanwalt für Medizinrecht
Vorstandssprecher BiM