Internetmedizin wird dem Arzt gefährlich! Und das ist gut so!

Immer wieder stoßen neue medizinische Angebote aus dem Internet bei der Ärzteschafft auf pauschale Ablehnung. Doch die anfänglichen Ängste vor dem großen Unbekannten aus dem Internet zerstreuen sich schnell, wenn sich der Arzt sachlich mit dem Thema auseinandersetzt:

1. Das Internet kann und wird die ärztliche Praxis nie ersetzten, sondern nur ergänzen.
2. Der Arzt wird auch in der Internetmedizin gebraucht und es entstehen sogar neue Betätigungsfelder für ihn.

Es besteht also kein Grund zur Sorge? Um das abschließend beurteilen zu können muss man tiefer auf die Wirkweisen des Internets achten. Das Internet organisiert die Massen. Einzelne Homepages können selten die Massen mobilisieren. Sie gelten mehr als elektronische Visitenkarten. Suchmaschinen helfen dabei aus dem unendlichen Dschungel der Visitenkarten eine Auslese zu treffen. Plattformen wie Amazon oder Ebay hingegen mobilisieren und organisieren die Massen.
Auch in der Medizin werden, neben den bereits vorhandenen Visitenkarten, Plattformen entstehen, die in der Lage sind Patienten zu mobilisieren und zu organisieren.
Man stelle sich eine interaktive Plattform für Onkologie vor. Der Patient wird informiert, diagnostiziert, in seiner Therapie begleitet und an die entsprechenden Leistungserbringer verwiesen. Dabei ist das Internet transparent und das Feedback und die Bewertungen der anderen Patienten hilft die Qualität zu sichern. Außerdem ist das Internet Sozial. Kleine Soziale Netzwerke zwischen den Patienten helfen den Betroffenen sich auszutauschen. Auch hierdurch bekommt die Krankheit und die entsprechende Versorgung eine weitreichende Transparenz.
Und plötzlich wird klar, an welcher Stelle das Internet dem Arzt doch gefährlich wird. Der Arzt war bisher immer der Weichensteller für die Versorgungskette des Patienten. Er hat darüber entschieden, welche Arzneimittel oder Hilfsmittel verordnet werden, welche Operationen notwendig sind und an welchen Spezialisten oder an welches Krankenhaus überwiesen wird. Damit war der Arzt gleichzeitig Herrscher über die Wertschöpfungskette im Gesundheitswesen. Die Industrie, die Apotheken, die Operateure und die Krankenhäuser haben es ihm häufig gedankt. Je großzügiger dieser Dank war, umso mehr geriet das unabhängige System in Gefahr.
Nun wird das Internet zum Mitspieler um die Macht der Zuweisung und damit um den Anstoß der Wertschöpfung. Das Internet kann den Patienten ins Vertrauen ziehen, bevor er beim Arzt auftaucht. Macht das Internet einen guten Job, so wird der Arzt vom Zuweiser zum Zugewiesenen und die Wertschöpfung setzt nicht mehr bei ihm an, sondern im Internet. Das Internet bringt dabei eine weit größere Transparents und Unabhängigkeit mit.
Die Wertschöpfungskette hat bisher viel Geld in die zuweisende Ärzteschaft investiert, um die Zuweisungsentscheidungen in lukrative Wege zu leiten. Nun wird deutlich, dass genau diese Wertschöpfungskette dafür sorgen wird, dass der Arzt diese Macht verliert. Die Investition ins Internet wird sich lohnen, weil diese dann – zum ersten mal in der Geschichte der Gesundheitswirtschaft – beim Patienten ankommt. Das Internet wird den Patienten mündig für eigene Entscheidungen machen. Die Entscheidung des Patienten wird Teil der Wertschöpfung der Gesundheitswirtschaft. Damit werden marktwirtschaftliche Züge im Gesundheitswesen verankert. Dies ist der erste Schritt von einer Gesundheitswirtschaft zu einem Gesundheitsmarkt. Und das ist gut so!

Sebastian Vorberg, LL.M. (Houston)
Fachanwalt für Medizinrecht
Vorstandssprecher Bundesverband Internetmedizin e.V.